Der Zeigarnik-Effekt – Und wie Du ihn nutzen kannst

Lesezeit: 3 Minuten

Wir schreiben das Jahr 1927. Die russische Psychologin Bljuma Zeigarnik ist für einen Forschungsaufenthalt nach Berlin gereist. Zu dieser Zeit war sie einem neuen Phänomen auf der Spur, das sie in einem Café beobachtet hatte. Ihr Kellner hatte mehrmals hintereinander eine große Zahl von Bestellungen aufgenommen und diese auch perfekt ausgeliefert – ganz ohne Notizzettel oder sonstige Hilfsmittel. Nachdem er alles gebracht hatte, konnte er sich an die Bestellungen aber kaum noch erinnern. Er wusste noch nicht einmal, ob er jemandem einen Kaffee oder ein Stück Kuchen serviert hatte.
Damit war das Interesse von Bljuma Zeigarnik geweckt und sie forschte nach diesen Beobachtungen weiter an diesem Phänomen.

Die Wissenschaftlerin entwickelte an der Universität Berlin ein Expriment, bei dem 164 Teilnehmer verschiedene Aufgaben lösen sollten. Dabei handelte es sich eher um banale Angelegenheiten, wie z. B. das Kneten eines Tieres, das Zeichnen einer Blume, Perlen auf einen Faden ziehen oder Häkeln.

Einige dieser Aufgaben durften von den Probanden erledigt werden, bei anderen Aufgaben wurden sie mittendrin von Zeigarnik unterbrochen. Im Anschluss prüfte sie, an wie viele ihrer Aufgaben sich die Freiwilligen noch erinnern konnten.

Das Ergebnis war wie Du es vielleicht schon erwartet hast: Tatsächlich erinnerten die Teilnehmer des Experiments die Aufgaben besser, die sie nicht vollendet hatten. Und zwar deutlich. Die unerledigten Dinge blieben bis zu 90 Prozent besser im Gedächtnis haften als die unerledigten. Und das sogar unabhängig vom Alter oder dem Bildungsgrad der Probanden.

Später konnte Bljuma Zeigarnik aufzeigen, dass nicht die Unterbrechnung entscheidend war, sondern das Erledigtsein bzw. Unerledigtsein der Aufgabe.

Wenn wir eine Aufgabe haben, baut diese eine geistige Spannung bei uns auf. Bleibt die Aufgabe unerledigt, behalten wir diese Spannung bei. Sie löst sich erst auf, wenn die Herausforderung gemeistert ist.

„Cliffhanger“

Heute machen sich viele Filme, Serien und Romane diesen Effekt zu nutze. Umgangssprichlich nennen wir das „Cliffhanger“. Die Werbepause im Fernsehprogramm kommt natürlich immer genau an einem bestimmten Punkt. Wir möchten dann einfach wissen wie es weiter geht. Und bei Filmen werden verschiedene Handlungen ineinander verschachtelt, um uns Konsumenten bei Laune zu halten. Denn wir streben innerlich danach zu erfahren, wie alle Handlungen abgeschlossen werden.

Bleibt eine Handlung oder eine Aufgabe unerledigt, tragen wir sie weiterhin mit uns rum. Wir denken häufig daran, erinnern uns an sie und sie lässt uns keine Ruhe. Logisch eigentlich, denn die unerledigte Aufgabe erzeugt nach wie vor eine geistige Spannung. Diese bringt uns um den Schlaf und sorgt dafür, dass wir uns am liebsten noch vor dem ersten Kaffee an die Erledigung der Aufgabe machen wollen.

Flexible Arbeitszeiten

Bei meinem ersten Arbeitgeber gab es keine flexiblen Arbeitszeiten. Von meinem Chef wurde ich sogar zeitweise kritisiert, wenn ich Überstunden machte. Dadurch sei ich unplanbar, weil ich ja ständig Überstundenfrei machen könne. Dabei war es mir schon immer wichtiger meine Aufgaben abzuschließen, als genau acht Stunden auf der Arbeit zu verbringen. Konnte ich alle Aufgaben und Herausforderungen des Tages abschließen, bin ich mit einem besseren Gefühl nach Hause gefahren, als wenn etwas unerledigt blieb. Vermutlich bin ich genau aus diesem Grund auch heute noch ein großer Fan von flexiblen Arbeitszeiten und einem hohen Grad an Selbstorganisation am Arbeitsplatz.

Wie kannst Du den Zeigarnik-Effekt für dich nutzen?

Todo-Listen nutzen den Zeigarnik-Effekt. Sobald etwas auf Deiner Liste landet, möchtest du es auch erledigen. Die Aufgabe dort erzeugt eine innere Spannung, die aufgelöst wird, sobald das Häkchen gemacht wurde.
Dadurch besteht aber natürlich auch die Gefahr, dass es zu viele Aufgaben in Deiner Liste gibt, die nicht alle erledigt werden können und dann doch weiterhin in Deinem Kopf herumspuken.

Ob David Allen an den Zeigarnik-Effekt gedacht hat, während er seinen Getting Things Done – Grundsatz „Sammle alle Tätigkeiten, die erledigt werden müssen, in einem logischen und vertrauenswürdigen System außerhalb deines Kopfes.“ formulierte?

Wenn Du Dir selbst glaubhaft vermitteln kannst, dass Aufgaben, die auf Deiner Todo-Liste landen, auch wirklich von Dir erledigt werden, kannst Du dem Zeigarnik-Effekt ein Schnippchen schlagen. Denn dann löst sich die Spannung einer Aufgabe schon, wenn Du diese auf Deine Todo-Liste setzt.

Wenn Du Dir also selbst beweisen kannst, dass Du wirklich alle Aufgaben auf Deiner Liste erledigen wirst, sorgt das für einen ruhigen Schlaf und Du kannst Dein Gehirn dafür nutzen, wozu es eigentlich da ist: Ideen zu entwickeln, anstatt Gedanken festzuhalten.

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